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Gesichter der Hainstraße – Bernd und Jan aus Garten 23

Posted on 10. September 202610. September 2026 By mhirt Keine Kommentare zu Gesichter der Hainstraße – Bernd und Jan aus Garten 23

Zwischen Quittenbaum und Bienenstock – Bernds Start als Imker

Von außen wirkt Garten 23 fast verwildert. Doch hinter dem Gartentor verbirgt sich eine grüne Oase und seit Kurzem auch das Zuhause von zwei Bienenvölkern. Ich habe Bernd besucht, über seine ersten Schritte als Imker gesprochen und festgestellt, dass seine Honigbienen mit einigen meiner Vorstellungen gründlich aufräumen.

Ich sitze auf einer kleinen Terrasse direkt an der Laube von Bernd und Jan. Hinter mir wachsen Weinreben, und dahinter, keine zwei Meter entfernt, leben tausende Bienen. Trotzdem ist auf der Terrasse von Garten 23 kaum ein Summen zu hören. Keine Biene schwirrt während des Interviews um uns herum, keine landet auf dem Tisch. Statt der Betriebsamkeit, die ich erwartet habe, herrscht eine fast schon überraschende Ruhe. Nur die Heuschrecken sind an diesem warmen Sommertag zu hören.

Bernd und seine zwei Freunde Jenny und Basti beim imkern.

Vielleicht überrascht mich diese Ruhe auch deshalb so sehr, weil ich nicht ganz unbefangen in das Gespräch gehe. Erst eine Woche zuvor waren meine Kinder von Bienen gestochen worden. Die Erinnerung daran ist noch frisch. Zwei Bienenvölker in unmittelbarer Nähe wirken auf mich deshalb zunächst weniger romantisch als vielmehr ein wenig beunruhigend.

Dabei hatte mich Garten 23 schon beim Eintreten überrascht. Von außen wirkt die Parzelle fast verwildert. Hinter dem Gartentor aber schlängeln sich verborgene Wege an Stauden, Obstbäumen, Gemüsebeeten und einem kleinen Teich vorbei. Überall wächst etwas. Bernd nennt den Garten augenzwinkernd eine „grüne Hölle“ und meint das durchaus positiv: wild, lebendig und voller Pflanzen, aber dennoch gepflegt. Ich begreife schnell: In diesem Garten spielen die Pflanzen die Hauptrolle. Für eine große Rasenfläche ist hier schlicht kein Platz vorgesehen. Fast jeder Winkel blüht, trägt Früchte oder verspricht eine Ernte.


Bernd, der als Apotheker in Unna arbeitet, und sein Partner Jan, Anästhesist und Intensivmediziner am Bethesda Krankenhaus, sind seit 2020 Mitglieder unseres Vereins. Als Bernd 2019 nach Wuppertal zu Jan zog, suchten die beiden einen Ort, an dem sie Gemüse und Obst anbauen konnten. Für Bernd schloss sich damit ein Kreis. Aufgewachsen auf einem Bauernhof im südlichen Münsterland gehörte Gärtnern schon immer zu seinem Leben. In der Hainstraße standen damals gleich mehrere Parzellen zur Auswahl – in der Zeit vor Corona noch keine Seltenheit. Nach einem Gespräch mit Horst und der Besichtigung mehrerer Gärten war die Entscheidung schnell gefallen. Kurz darauf begann die Corona-Pandemie und der Kleingarten wurde für die beiden zu einem wichtigen Rückzugsort.

Zwei Völker sind in Garten 23 zu finden. Hier noch vor dem Einzug der Bienen.

Seitdem verändert sich der Garten Jahr für Jahr. Neue Gemüsebeete entstehen, Rosen ziehen ein, ein Quittenbaum findet seinen Platz und selbst der Teich wurde inzwischen versetzt. Eine strenge Gartenphilosophie verfolgen die beiden nicht. „Wir pflanzen einfach das, was uns gefällt“, erzählt Bernd. Dass sich manchmal auch die Schnecken darüber freuen, gehört für ihn dazu.

Die Aufgaben sind dabei klar verteilt. Bernd kümmert sich vor allem um Pflanzen, Beete und Aussaat. Den grünen Daumen, sagt er, habe er von seiner Mutter geerbt. Jan übernimmt dagegen viele handwerkliche Arbeiten. Das Tomatenhaus hat er gebaut, und auch bei den Vorbereitungen für die Bienen war sein handwerkliches Geschick gefragt.


Vom Kleingärtner zum Imker

Die Idee entstand eher zufällig: bei einem Gespräch über Bildungsurlaub und Imkerei mit Basti, einem Freund, den Bernd vom Bouldern kennt. Eine weitere Freundin, Jenny, kam hinzu. Nach zwei Theorieabenden und mehreren Praxisterminen über das Bienenjahr hinweg stand für die drei fest: Das möchten wir selbst ausprobieren.

Aus dem Gelernten wurde ein eigenes Projekt. Material wurde angeschafft und der Standort in Garten 23 vorbereitet. Jan gehört zwar nicht zum eigentlichen Imkerteam, springt aber ein, wenn Unterstützung gebraucht wird. Er baute den Unterstand für die Bienen und half dabei, alles für den Einzug vorzubereiten. Wenig später zogen schließlich zwei Bienenvölker in Garten 23 ein.


Natur, Garten, Selbstversorgung

Was Bernd an der Imkerei besonders reizt, ist die Verbindung aus Natur, Garten und Selbstversorgung. „Ich wollte schon immer etwas in Richtung Selbstversorgung machen“, erzählt er. Gemüse und Obst selbst anzubauen habe ihm schon lange Freude bereitet. Der eigene Honig sei nun eine schöne Ergänzung.

Einflugschneise der Bienen.

Mindestens genauso faszinierend seien aber die Tiere selbst. Vor dem ersten Termin am Bienenstock habe auch er Respekt gehabt. Doch dieser sei schnell verflogen. „Die Bienen interessieren sich eigentlich gar nicht für uns“, sagt Bernd.

Wie aufs Stichwort bestellt wischt Bernd plötzlich ein schwarz-gelbes Insekt von seinem Arm. Für einen kurzen Moment denke ich: Jetzt geht’s los. Genauso hatte ich mir ein Interview direkt neben zwei Bienenvölkern vorgestellt. Doch das Gefühl, mit meiner Skepsis doch recht zu behalten, hält nur wenige Sekunden. „Nur eine Wespe“, sagt Bernd gelassen. Die eigentlichen Hauptdarsteller des Nachmittags lassen sich weiterhin nicht blicken. Sie bleiben dort, wo sie hingehören: an den Blüten und am Bienenstock.


Ganz so einfach ist das neue Hobby dennoch nicht. Gerade zwischen Frühjahr und Hochsommer müssen die Völker regelmäßig kontrolliert werden. Wird es einem Volk im Stock zu eng, kann ein Teil der Bienen mit der alten Königin ausschwärmen und sich ein neues Zuhause suchen. Deshalb kümmern sich Bernd und seine beiden Imkerfreunde gemeinsam um die Bienen. So ist immer jemand da, wenn nach den Völkern geschaut werden muss.

Beim Thema Honigernte bleibt Bernd bewusst zurückhaltend. Viel wichtiger als eine große Ernte ist ihm, dass die beiden Völker gesund durch den Winter kommen. „Erst einmal überhaupt Honig zu ernten, wäre schon ein Erfolg“, sagt er. Langfristig könnten die beiden Völker zusammen rund 20 Kilogramm Honig im Jahr liefern.


Ein Garten für Mensch und Insekt

Der Garten spiegelt diese Haltung wider. Statt großer Rasenflächen dominieren Stauden, Gemüse, Obst und Blühpflanzen. Für Bernd ist das nicht nur eine Frage der Optik. Er hofft, dass möglichst viele Kleingärten Nahrung für Bienen, Hummeln und andere Bestäuber bieten. Schließlich fliegen seine Honigbienen weit über die Grenzen von Garten 23 hinaus. Auf der Suche nach Nahrung fliegen Honigbienen mehrere Kilometer weit. Was in unseren Gärten wächst, kann deshalb auch den Völkern aus Garten 23 zugutekommen.

Die Asiatische Hornisse ist überwiegend schwarz, besitzt gelbe Beinenden und ein breites orangegelbes Band am Hinterleib. Sie erbeutet unter anderem Honigbienen und andere Insekten.

Bitte Abstand halten, ein Foto machen und den genauen Fundort notieren. Informiert anschließend den Vorstand. Tiere oder Nester nicht selbst bekämpfen oder entfernen. Sichtungen können zudem über das Neobiota-Portal NRW gemeldet werden.

Dass ausgerechnet hier heute wieder Bienen stehen, ist übrigens kein Zufall. Schon vor vielen Jahren wurden auf dieser Parzelle Bienenvölker gehalten. Unter dem Dach der Gartenlaube fanden sich sogar noch einige alte Rähmchen – stille Erinnerungen an den früheren Imker.


Mitten im Flugverkehr

Nach dem Interview wechseln wir den Ort des Geschehens. Wir stehen nun unmittelbar vor den zwei Bienenstöcken und direkt in der Ein- und Ausflugschneise der Bienen. Das Summen um und in den Bienenstöcken übertönt nun auch die Heuschrecken. Eigentlich der Moment, vor dem wohl die meisten Menschen Respekt hätten. Ich eingeschlossen.

Doch schon nach wenigen Augenblicken weicht die Anspannung der Neugier. Die Bienen fliegen um uns herum, kehren mit Pollen zurück oder starten zum nächsten Sammelflug. In den gut zehn Minuten vor den Stöcken streift mich kaum eine von ihnen. Statt um unsere Köpfe zu schwirren, verfolgen sie unbeirrt ihre Arbeit. Das Getümmel am Bienenstock fasziniert und beruhigt mich gleichermaßen. Ich könnte stundenlang hier stehen und beobachten.


Bernd erklärt den Aufbau des Volkes, erzählt von Brutwaben und Futtervorräten und davon, dass er manchmal sehr aufgeregt ist, wenn er die Königin nicht findet. Ich merke: Bernd ist noch kein Experte. Er ist niemand, der auf jede meiner Fragen sofort eine Antwort hat. Er denkt oft nach, manches möchte er lieber noch einmal nachschlagen. Für ihn ist vieles neu und er lernt bei jedem Kontakt mit den Bienen etwas dazu. Und das macht er mit einer erstaunlichen Gelassenheit. „Ich bin da tatsächlich relativ entspannt“, sagt er, „weil ich mir denke: Es sind Tiere, die einen Überlebensdrang haben. Sie werden auch kleinere Fehler verzeihen.“

Als wir den Garten verlassen, bleibt vor allem eine Erkenntnis: Die größte Überraschung sind nicht die Bienen selbst, sondern wie wenig sie sich für uns Menschen interessieren. Eine Woche zuvor waren meine Kinder versehentlich auf Bienen getreten und gestochen worden. Heute verstehe ich besser: Die Tiere hatten nicht grundlos angegriffen, sondern sich in einer für sie bedrohlichen Situation verteidigt.

Hier, mitten in ihrer Flugschneise, begegnen sie uns dagegen mit bemerkenswerter Gleichgültigkeit. Wer ihnen mit Ruhe und Abstand begegnet, merkt schnell, wie aus anfänglichem Respekt Faszination werden kann.

Vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieses Nachmittags in Garten 23.

Das Gepräch führte Michael Hirt

Gesichter der Hainstraße Tags:Bienen, Gesichter, Imkern, Insekten

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