Giovanni Malfitano ist 46 Jahre alt, hat zwei Kinder und arbeitete ursprünglich als erfolgreicher Webentwickler und IT-Spezialist. Im Jahr 2016 entschloss sich Giovanni, sein eigenes Gemüse in Korschenbroich anzubauen. Mittlerweile hat er seinen IT-Job an den Nagel gehängt und widmet sich hauptberuflich dem Gärtnern. Er ist Selbstversorger, Buchautor und betreibt eine Biozertifizierte Landwirtschaft zum Erhalt alter Gemüsesorten. Er ist also ein echter Experte auf seinem Gebiet. Wir durften ihm ein paar Fragen stellen.
Du bist kein gelernter Landwirt, sondern Programmierer. Wie kommt man da auf die Idee, Selbstversorger zu werden und sein Leben danach auszurichten?
Der AHA-Moment war mein erstes Kind, das 2012 geboren wurde. Als es an die Beikost ging und Skandale über Salmonellen sowie Pestizide in Babynahrung die Runde machten, musste ich an meinen Großvater denken. Dieser hat auch mit dem Gemüseanbau angefangen, als mein Bruder und ich das Licht der Welt erblickten. Was kann es Besseres zu essen geben, als das eigene Gemüse, frei von synthetischem Dünger und Pestiziden? Ich wollte einfach nur das Beste für meine Kinder. Die Inspiration war also zu 100 Prozent mein Großvater. Ich habe ihm hunderte Stunden über die Schulter geschaut, er hat mir so viel beigebracht und schon früh erkannt, dass aus mir mal ein guter Gärtner werden könnte.

Selbstversorger…was ist das eigentlich genau?
Selbstversorger bedeutet für mich, dass man seine eigene Nahrung so kultiviert, dass man das gesamte Jahr davon leben kann, ohne etwas dazukaufen zu müssen. In meinem Fall bezieht sich das nur auf Gemüse, Kräuter, Obst und Eier. Um dieses Ziel zu erreichen, muss man viele Kulturen anbauen, die man konservieren oder gut lagern kann. Aus Tomaten machen wir zum Beispiel jedes Jahr über 100 Flaschen Tomatensoße. Auberginen legen wir in Olivenöl ein. Aus Gurken werden jedes Jahr 40 Gläser schlesische Gurkenhappen. Aus Kohl wird Rotkohl oder Sauerkraut gemacht. Viele Gemüsesorten wie Bohnen, Erbsen oder Paprika kommen in die Tiefkühltruhe, um konserviert zu werden. Kartoffeln oder Süßkartoffeln werden im Keller gelagert und Knollensellerie, Pastinaken, Möhren oder Rote Beete wandern in meine Erdmiete.
Wie hoch ist dafür der Zeitaufwand?
Der Zeitaufwand für eine so umfangreiche Selbstversorgung auf 1.500 Quadratmeter ist hoch. Ich ernähre ja nicht nur mich, sondern gut 10 Personen. Würde ich nur für meine vierköpfige Familie anbauen, wäre ein täglicher Aufwand von ca. zwei bis drei Stunden zu veranschlagen. Bei mir ist das ganze ausgeartet, ich wollte immer mehr anbauen, Sorten und Selbstversorgung erhalten. Also habe ich auch immer mehr Zeit investiert. Mittlerweile kann das in der Hauptsaison – wenn gepflegt, gegossen, geerntet und verarbeitet werden muss – 15 bis 16 Stunden am Tag ausmachen. Wer viel anbaut, muss auch viel verarbeiten. Das ist kein leichtes Leben und an Urlaub braucht man gar nicht erst zu denken.

Nutzt du irgendwelche digitalen Tools zur Planung?
Nein, ich nutze keine digitalen Tools zur Planung. Ich führe jedes Jahr ein Gartenbuch, in dem viel notiert wird. Und habe einige Tabellen entworfen, mit denen ich mich organisiere und den Überblick behalten kann bei den vielen Sorten, die ich anbaue und erhalte.
Spart man viel Geld als Selbstversorger?
Ob man Geld spart oder nicht, ist für mich nicht relevant. Die Erzeugnisse, die ich kultiviere, sind unbezahlbar und mit dem Gemüseanbau kann ich meine Kosten decken. Reich werde ich allerdings sicher nie, da hätte ich in der IT wesentlich bessere Aussichten gehabt. Aber ich habe mich bewusst für mein aktuelles Leben entschieden. Der große Vorteil ist, dass man den „Supermarkt“ hinterm Haus hat. Die Sorge, ob irgendwann die Regale im Supermarkt aufgrund von Krisen leer bleiben, habe ich nicht.
Wie definierst du für dich Permakultur und wie lebst du diese?
Permakultur bedeutet, dass man seinen Weg mit der Natur geht und darauf achtet, so nachhaltig wie möglich vorzugehen, damit das, was man macht, hunderte Jahre lang so betrieben werden kann. Man versucht, natürliche Kreisläufe aufzubauen und mittels Beobachtung und Erfahrungen Pflanzenkrankheiten oder „Schädlinge” schnell zu erkennen, bevor sie zum Problem werden. Regenerative Misch- und Permakultur hat das Ziel, lebendige und gesunde Böden zu erschaffen, um die Artenvielfalt zu fördern und ein ökologisches Gleichgewicht entstehen zu lassen. Das fängt bereits bei der Bodenbearbeitung an. Ich nutze die Broadfork, eine 60 cm Breite Doppelgrabgabel, um den Boden zu lockern. Maschinen dürfen hier nicht wüten, weder Fräse noch Motorhacke, denn beide zerstören Bodenleben sowie die Bodenstruktur. Maschinell gepflegte Böden halten schlechter Wasser, weil die Bodenstruktur fein krümelig wird und der Humus aus den oberen Schichten in tiefere Schichten gelangt. Diese Böden trocknen schneller und müssen häufiger gewässert werden, das führt zu Bodenerosion und in ganz schlimmen Fällen zum Bodenburnout. Ich bin fest davon überzeugt, dass nur ein lebendiger Boden ein guter Boden ist, daher pflege ich meine Böden mühevoll, zeitintensiv und mit Kraftaufwand von Hand, damit der Humus in den oberen Schichten aufgebaut statt abgebaut wird. Es wird sehr viel gemulcht, um Beikraut in Schach zu halten. Jegliche Bodenbearbeitung darf also nur minimalinvasiv sein. Gedüngt wird nur mit Kompost, Kräuterjauchen, Terra Preta und Hühnermist, den ich trockne und zu Pulver verarbeitete. Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist der Anbau von Leguminosen, wie Linsen, Bohnen oder Erbsen, die Stickstoff aus der Luft an Knöllchenbakterien an den Wurzeln einlagern und somit den Boden wieder fit machen. Um die Bestäubungsquote und somit die Erträge zu erhöhen, sowie die Artenvielfalt zu fördern, wird auf 10% der Fläche Bienenwiese angelegt. Meine Ergebnisse und Erträge bestätigen, dass ich hier auf dem richtigen Weg bin. Ich habe exzellente Erträge und bildhübsches Gemüse, das regelmäßig gelobt wird, ob in der Nachbarschaft oder in sozialen Netzwerken, in denen ich immer wieder mal ein paar Bilder zeige.

Die wenigsten Kleingärtner von uns können wohl in diesem Umfang zu Selbstversorgern werden. Aber hast du dennoch Tipps für uns?
Auch im Kleingarten kann man prima Gemüse an-bauen. Es gibt zwar viele Vorschriften, die man beachten muss, aber mein Onkel, der einen Schrebergarten hat, holt aus seinen 150 Quadratmetern so viel Gemüse, dass er während der Saison kaum etwas dazu kaufen muss. Er konzentriert sich eher auf Salate, Tomaten, Gurken, Kohl, Paprika und Aubergine, hat ein paar Beerenbüsche und so-gar einige Obstbäume. Kulturen, die viel Fläche brauchen, wie Kartoffeln oder Mais, lässt er hinge-gen komplett weg. Ich denke das sich ein Kleingarten super eignet, um eben das anzubauen, was man gerne hat und frisch essen kann. Man muss aber Abstriche machen denn für eine umfangreiche Selbstversorgung ist der Platz leider oftmals nicht ausreichend. Aber für eine saisonale Sommer-Teilselbstversorgung reichen die normalen Parzellen schon aus.
Wie wirkt sich deiner Meinung nach der Klimawandel auf das Gärtnern aus?
Der Klimawandel und seine Auswirkungen sind nicht kalkulierbar. Ich wurde erst 2018 so richtig wachgerüttelt, als ich meine erste Dürre hier erlebte. Das war auch der Moment, in dem ich angefangen habe, mich über soziale Netzwerke auszutauschen. Ich wollte wissen, wie andere damit umgehen, hatte viele Fragen, aber keiner hatte Antworten für mich. In meinen 6 vergangenen Jahren als Selbstversorger in NRW habe ich viel erlebt: schwere Stürme, 3 Dürren, 1 richtig heftiger Starkregen und die drei Hagelstürme 2019 werde ich nie vergessen. Trotz aller Probleme und Gefahren habe ich mich nicht vom Weg bringen lassen und am Ende jeder Saison waren die Gewinne größer als die Verluste. Ich habe gelernt, mit dem Klimawandel und den aktuellen Auswirkungen ans Ziel zu kommen. Ich kenne es nicht anders. Jedes Jahr gibt es ein neues Problem und viele Gefahren, aber ich habe gelernt, den Klimawandel profitabel zu nutzen. Ich kultiviere hier erfolgreich Ingwer, Kurkuma, Soja, Wassermelonen oder Süßkartoffeln. Alles Kulturen, die früher als undenkbar für unsere Klimazone galten. Ich glaube, dass die konventionelle Landwirtschaft unter den Folgen des Klimawandels viel heftiger leiden wird als kleinbäuerliche Betriebe wie meiner. Das ist auch der Grund, warum ich mich insbesondere in Sozialen Netzwerken immer wieder für mehr kleine Betriebe aus-sprechen und gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft bin.

Thema Saatgut: Du verkaufst tolles Saatgut in deinem Shop. Mir persönlich haben es die Tomatensorten total angetan. Aber was unterscheidet deine Sorten von denen, die ich im Baumarkt kaufen kann?
Auch das Saatgut im Baumarkt kann gut sein, das hängt vom Hersteller ab. Leider waren meine Erfahrungen in den ersten Jahren nicht sonderlich gut. Von schlechter Keimquote bis zu völlig anderen Sorten als jene, die ich haben wollte, war das Ergebnis. Saatgut aus dem Baumarkt wird leider oftmals behandelt. Es kommen diverse Chemikalien zum Einsatz, die mitunter eine sehr lange Zeit im Boden verweilen und nur schlecht oder über lange Zeiträume abgebaut werden. Baumärkte setzen stark auf hybride Züchtungen. Aber von F1-Hybriden kann man kein eigenes Saatgut gewinnen. Ich brauche als Selbstversorger allerdings Saaten, die samenfest sind und mir den Nachbau ermöglichen. Samenfestes Saatgut passt sich mit jedem Jahr dem jeweiligen Standort sowie dem Klimawandel an, es lernt dazu und bleibt beständig, ich bezeichne es als das schlaue Saatgut. F1-Hybride können das nicht, sie lernen nicht dazu und um beständig zu sein, muss die Kreuzung regelmäßig wiederholt werden. Die Hersteller aus dem Baumarkt produzieren im großen Stil. Das geht nur mit Maschinen, aber Maschinen können ein schlechtes Korn nicht von einem guten unterscheiden und so landet nicht selten eben alles in der Tüte, keimfähige und nicht keimfähige Samen. Ich glaube, dass die händische Selektion eines erfahrenen Gärtners den besten Qualitätsstandard ermöglicht. Zudem erachte ich F1-Hybride als Gefahr für die Artenvielfalt und Welternährung. Es führt Landwirte in die Abhängigkeit großer Konzerne. In Baumärkten bekommt man nur jene Sorten, die für den industriellen Standard mittels Saatgutverkehrsgesetz als „wirtschaftlich“ klassifiziert werden. Das bedeutet, dass Lagerfähigkeit und Transport für die Lebensmittelindustrie wichtiger sind als Nährstoffgehalt und Geschmack. Das sieht bei mir anders aus. Meine Kriterien sind Geschmack, Nährstoffgehalt und Vielfalt. Mein Saatgut wird biologisch gewonnen
und zertifiziert. Die Selektion findet bereits im Jungpflanzenstadium statt. Nur die besten und stärksten Pflanzen werden später zu Samenträgern. Jedes Korn wandert mehrmals durch meine Hand und am Ende kommen nur die besten Körner in meine Tüten. Letztes Jahr hatte ich Besuch von einem Freund, der für einen großen Saatgutherstellerarbeitet. Er meinte, dass die schon lange pleite wären, wenn die so arbeiten würden wie ich. Ich investiere unheimlich viel Zeit und Herzblut, und ob ich das auch in Zukunft noch für andere machen kann, steht leider in den Sternen. Wirtschaftlich ist es definitiv nicht, aber ich konnte damit viele Gärtner positiv motivieren, die an ihren Fähigkeiten gezweifelt haben, und genau das motiviert mich weiter zu machen. Mein Ziel ist es, sortenrein die beste Qualität an Saatgut zu gewinnen und nicht einfach nur Standard-Saatgut zu gewinnen. Ich sehe mich auch nicht als Hersteller oder Produzent, sondern als eine Person, die einen Teil ihrer Ernte für andere zugänglich macht, um die Vielfalt zu erhalten.
Vielen Dank für das tolle Interview!
Das Interview führte: Michael Hirt
Weiterführende Informationen
Mehr über Giovanni:
Sein Saatgut-Shop: www.saatgutmanufaktur.de
Sein Blog: www.don-giardino.com
Sein Buch: „Mein Weg in ein nachhaltiges Leben: Und die Vision einer besseren Welt!“ ist im Fachhandel erhältlich.
Mehr zum Thema Saatgut:
Saatgut zum „Ausleihen“: gibt es in der Stadtbibliothek Wuppertal.
Buchempfehlung zum Thema Saatgut-Souveränität: „Saatgut, Wer die Saat hat, hat das Sagen“ von Anja Banzhaf. Kostenlos als PDF auf: www.saatgutkampagne.org
Informationen zur Saatgutgewinnung: www.anstiftung.de/jdownloads/Webinare/saatgutgewinnungjahn_neu.pdf
Saatgutseminare: u.a. vom Dreschflegel Verein: www.dreschflegel-verein.de
Weitere Shops für samenfestes Saatgut:
www.samenfest.de
www.biogartenversand.de
www.saatgut-vielfalt.de (für Stauden)
Alle Bilder: Giovanni Malfitano
