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Zum Tag des Gartens: Der Kleingarten im Wandel – Zwischen Tradition und Zukunft

Posted on 14. Juni 202614. Juni 2026 By mhirt Keine Kommentare zu Zum Tag des Gartens: Der Kleingarten im Wandel – Zwischen Tradition und Zukunft

Vom Überlebensraum zum Freizeitraum, vom klassischen Nutzgarten zum vielseitigen Lebensraum: Kleingärten haben sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Wir blicken zurück in die Vergangenheit und wagen einen Blick in die Zukunft.

Ein altes Foto. Schwarzweiß, die Kanten etwas gewellt, ziemlich unscharf. Das Vereinsheim der Hainstraße, irgendwann in den 1930er Jahren. Ein Bild, dass uns zwar einen Blick in die Vergangenheit gewährt aber vieles im unscharfen ist.
Heute, am Tag des Gartens, ist ein guter Moment, um dieses Bild hervorzuholen und zu fragen, wie es früher war und was sich seitdem eigentlich verändert hat.

Viel, lautet die ehrliche Antwort. Was einst vor allem der Versorgung diente, ist heute für viele ein Ort für Erholung, Naturerleben und Gemeinschaft. Neben Gemüsebeeten entstehen Blühflächen, Familiengärten und naturnahe Parzellen. Digitalisierung, Klimawandel und veränderte Lebensgewohnheiten prägen zunehmend den Alltag der Vereine. Der Kleingarten wandelt sich und mit ihm die Frage, was einen Kleingarten heute eigentlich ausmacht.

Gegründet, weil der Hunger kam

Ein Blick in unsere eigene Geschichte zeigt, dass Wandel nichts Neues ist. Als sich am 15. August 1920 die ersten Gärtnerinnen und Gärtner in einer Gaststätte in der Hochstraße trafen, ging es vor allem um Versorgung.

In den folgenden Jahrzehnten spiegelte sich die Geschichte Deutschlands auch in den Kleingärten wider. Während der NS-Zeit standen die Vereine unter strenger staatlicher Kontrolle, später bestimmten Krieg und Nachkriegszeit den Alltag der Gärtner.

Der Garten war damals weit mehr als ein Hobby. Er half vielen Familien bei der Versorgung mit Lebensmitteln und wurde in den schweren Jahren nach dem Krieg für manche sogar zum vorübergehenden Wohnort.

Dann kam der Wohlstand und veränderte alles

Mit den Wirtschaftswunderjahren wandelte sich die Rolle des Kleingartens grundlegend. Der Hunger war weg. Damit verschwand auch der Zwang und plötzlich blieb Raum für etwas anderes: Freude, Erholung und Gemeinschaft. Aus dem Versorgungsgarten wurde ein Freizeitgarten. Eine Entwicklung, die sich bis heute fortsetzt.

Spätestens die Coronajahre machten das schlagartig sichtbar. Plötzlich wollten alle einen Garten. In unserer Anlage stand die Warteliste zeitweise bei über 100 Personen. Der Vorsitzende Horst Hartensuer beschrieb es damals so: „Die Warteliste reicht mittlerweile von hier bis Wuppertal-Barmen.“ Bemerkenswert ist dabei vor allem der Kontrast zu den Jahren davor. Über längere Zeit war es nicht ungewöhnlich, dass Parzellen leer standen oder nur schwer neue Pächter gefunden wurden.

Neue Pächter, neue Ideen und neue Spannungen

Die neuen Gärtnerinnen und Gärtner kamen mit anderen Erwartungen. Weniger Pflicht, mehr Projekt. Neben klassischen Gemüsebeeten entstanden immer mehr Hochbeete, Blühflächen, bewusst wild gehaltene Ecken. Für manche ein Gewinn. Für andere eine Provokation.

Vorher ein akurater Rasen. Jetzt eine Wildblumenwiese, die einfach in Ruhe gelassen wird. Ob es den alten Pächtern gefallen würde? Quelle: M.Hirt

Was das bedeuten kann, zeigt eine WhatsApp-Nachricht, die mir mal eine ehemalige Pächterin geschickt hat:

„Ich bringe es nicht übers Herz, den Kleingarten zu besuchen, da mein Garten so heruntergekommen ist. Der Rasen ist nicht gemäht, die Hecke schie. Das bricht mir das Herz.“

Hinter diesem Satz steckt mehr als Ärger über ungemähten Rasen. Da ist jemand, für den dieser Garten Jahrzehnte lang Herzensarbeit war. Was für sie Vernachlässigung aussieht, ist für die Nachfolger jedoch eine bewusste Entscheidung: weniger Monokultur-Rasen, mehr Blühfläche, eine Hecke, die Vögeln Unterschlupf bietet. Ungepflegt ist das nicht, es hat nur ein anderes Gesicht bekommen. Und genau darin liegt das Missverständnis: Zwei Menschen, die beide ihren Garten lieben und trotzdem aneinander vorbeireden.

Dabei verläuft die Grenze nicht einfach zwischen Alt und Jung. Es gibt langjährige Mitglieder, die naturnahes Gärtnern mit Überzeugung betreiben. Und jüngere Pächter, denen ein gepflegter Garten wichtig ist. Es geht weniger um Generationen als um unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein Kleingarten eigentlich sein soll. Ich erinnere mich an einen früheren und jüngeren Gartennachbarn, dem ich einmal den Gefallen tat, seine Hecke zu schneiden. Das durfte ich genau einmal. Zu schief, zu krumm: für ihn ein Horrorfilm in Grün, der sich nicht wiederholen durfte. Für mich eine englische Hecke.

Auch beim Engagement zeigen sich Unterschiede. Ein Verein lebt davon, dass Menschen mehr einbringen als die Pflege ihrer eigenen Parzelle: Feste, Gemeinschaftsarbeiten, Verantwortung im Vorstand. Das wird spürbar schwieriger. Nicht weil die Menschen „schlechter“ geworden wären, sondern weil Engagement heute eine bewusste Entscheidung ist, keine Selbstverständlichkeit mehr. Und auch hier stimmt das Klischee nicht: Es sind nicht die Jungen, die sich drücken. Meine Erfahrung ist eine andere – mancher, der am lautesten von früher schwärmt, steht heute nicht hinter dem Grill. Dafür werden die Ideen derer, die anpacken wollen, gerne mal kleingeredet. Das ist keine Generationenfrage. Das ist eine Haltungsfrage.


Äußere Faktoren treiben den Wandel

Der Wandel kommt nicht nur von innen, sondern wird auch von außen verstärkt.Themen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit und Nachhaltigkeit spielen eine immer größere Rolle auch in unserer Anlage.
Früher war das Wasser einfach da. Der Verbrauch der ganzen Anlage wurde auf alle umgelegt, egal ob jemand sparsam gärtnerte oder das Planschbecken jeden Sommer randvoll laufen ließ. Das war bequem. Und zunehmend ungerecht.
Mit steigendem Wasserverbrauch und dem Klimawandel im Hinterkopf war klar: So kann es nicht bleiben. Und auch wenn es viel Widerstand gab: Heute hat jede Parzelle eine eigene Wasseruhr. Wer viel verbraucht, zahlt mehr. Wer sparsam ist, profitiert davon. Und wer sein Planschbecken füllen will, kann das tun – ohne böse Blicke. Und wir sind sogar einen Schritt weiter gegangen. Mit LoRaWAN Wasserzählern überwachen wir unser Wassernetz. Lecks werden ebenso schnell erfasst, wie ein offen gelassener Wasserhahn im Vereinsheim.

Ähnlich konkret fällt die Bilanz der Photovoltaikanlage auf dem Vereinsheim aus. Installiert durch aus unter Widerstand einiger. Aber nach einem Jahr Betrieb hatte sie schon die Marke von einer Megawattstunde geknackt, verbunden mit einer CO₂-Ersparnis von rund einer Tonne. Das entspricht dem Ausstoß eines Autos auf 5.000 bis 7.000 Kilometern. Und auch hier wirkt das Vorran gehen: Die Balkonkraftwerke werden mehr. Immer mehr Mitglieder interessieren sich für eigene PV-Anlagen.
Beim Thema Wasser erwarten wir denselben Effekt. Effiziente Regenwassermanagement-Systeme werden kommen. Da sind wir uns sicher!

Der Wandel kommt hier nicht als Vorschrift. Er kommt als Erfahrung.


Wie der Verein reagiert

Prall gefüllte Leitzordner. Schwer und das jedes Jahr neu. So sah das Rechnungswesen im Verein lange aus. Wer Vorstandsarbeit übernehmen wollte, musste das wissen und trotzdem „Ja“ sagen.

Heute ist der Papierberg auf Daumendicke geschrumpft. Stromzählerstände, die früher mühsam von Zetteln in Excel und von Excel in Rechnungen übertragen wurden, wandern jetzt per Tablet direkt in eine Vereinssoftware. Rechnungen werden daraus automatisch generiert. Was bleibt, ist die Arbeit, die sich lohnt und nicht die, die nur nervt. Und das ist kein Endpunkt: Im Hintergrund wird bereits an eigenen Apps gearbeitet, die das weiter vereinfachen sollen.

Der Gedanke dahinter ist einfach: Ehrenamt darf nicht wehtun. Und der Landesverband zieht mit. Mit Seminaren zu digitaler Vereinsführung und zum Einsatz von KI in der Vereinsarbeit hilft er den Vereinen. Wer also denkt, das sei ein Thema nur für technikaffine Vorstände in großen Vereinen: Es ist längst in der Fläche angekommen.

Ähnlich pragmatisch verlief die Entwicklung bei den Veranstaltungen. Das Vatertagsfrühstück? Kaum noch besucht. Der Sonntagsfrühschoppen? Fast immer eine Nullnummer. Dann kam der Familientag und plötzlich kamen Leute. Die Erkenntnis war so simpel wie wirkungsvoll: Wer Kinder einlädt, bringt Familien mit.

Nicht jede Veränderung läuft reibungslos. Bessere Kommunikation weckt Erwartungen – manchmal unangenehme. Wer schnell informiert, wird auch schnell vermisst. Eine nicht beantwortete Nachricht innerhalb eines halben Tages kann heute schon mal unschöne Beschwerden auslösen. Das ist die Kehrseite von Erreichbarkeit.

Und dann gibt es die Überraschungen in die andere Richtung. Als der Vorschlag kam, Fahrradabstellplätze zu schaffen, war der Widerstand überschaubar, obwohl es Geld kostet und die Frage nach Parkplatabbau im Raum stand. Große Mehrheit, schnelle Entscheidung. Manchmal funktioniert Wandel einfacher als gedacht.

Der Kleingarten als Zukunftsraum

Kleingärten leisten heute weit mehr als nur private Erholung. Sie sind wichtige Grünflächen, fördern Biodiversität, verbessern das Stadtklima und schaffen soziale Räume.

Was unsere Anlage konkret beiträgt – bei Klimaschutz, Artenvielfalt, Regenwasserbindung – zeigt ein Blick auf die Zahlen: Selbst kleinere Anlagen kühlen die Umgebung messbar und ermöglichen relevante Mengen an Lebensmittelproduktion.

Gleichzeitig stehen sie unter Druck. In wachsenden Städten konkurrieren Kleingartenanlagen zunehmend mit anderen Nutzungen. Der Bedarf an Flächen für Wohnen, Infrastruktur oder andere Freizeitangebote wächst.

Umso wichtiger wird es, den eigenen Beitrag sichtbar zu machen und zu zeigen, warum Kleingärten auch in Zukunft ihren Platz brauchen.

Ob der KGV Hainstraße in 20 Jahren noch so existiert wie heute? Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Das hängt nicht am Vorstand, nicht an der Vereinssoftware, nicht an den LoRaWAN-Zählern. Es hängt daran, ob sich genug Menschen finden, denen das hier wichtig genug ist.

Das ist keine Drohung. Das ist eine Frage. Und sie ist an jeden einzeln gestellt.

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